10 tierische Schlaumeier unterwegs in Zackys Wörteruniversum
Zehn Reisende – Ein gemeinsames Ziel
Die 10 tierischen Schlaumeier sind weitgereiste Helden, deren Wege auf magische Weise miteinander verwoben sind. Ob aus den tiefsten Regenwäldern des Amazonas, den majestätischen Gipfeln der Anden, den windigen Küsten Australiens, den unendlichen Weiten der Sahara oder den geheimnisvollen Verzweigungen des Donaudeltas – sie alle eint eine gemeinsame Mission.
Sie haben Ozeane überquert, die mächtigen Alpen überflogen oder sind der Donau flussaufwärts gefolgt: Jeder einzelne von ihnen folgte auf seiner Reise seinem ganz eigenen Impuls. Sei es aus purer Neugier, wundersamer Freundschaft oder einem verfehlten Quaken.
Ihre abenteuerlichen Wege führen sie schlussendlich alle mitten ins Herzen Österreichs, wo sie von Zacky Zikade, dem unermüdlichen Hüter des Wörteruniversums, willkommen geheißen werden und seitdem diesen geheimnisvollen Ort voller Wort-Schätze bewohnen.
An seiner Seite bringen die Schlaumeier ihre ganz eigenen Charaktere, Talente, Farben und Geschichten mit ein, um gemeinsam in Zackys Wörteruniversum lebendiger Teil der deutschen Sprache zu sein.
Lies hier all ihre Biografien und Abenteuergeschichten und werde mit ihnen selbst zum Schlaumeier in Zackys Wörteruniversum!
Zacky Zikade
Die Interjektion & der Hüter von Zackys Wörteruniversum
Hallihallo,
mein Name ist Zacky Zikade und ich begleite dich im Wörteruniversum auf unserer spannenden Reise rund um die Welt der deutschen Sprache!
Übrigens: Zacky ist mein Spitzname. Eigentlich heiße ich Zacharias Xerxes. Ich weiß, das sind ziemlich ausgefallene Vornamen, die nur schwer auszusprechen sind. Deshalb will ich dir erklären, was sie bedeuten, damit du dich besser erinnern kannst.
Der Name Zacharias kommt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „hat sich erinnert“.
Xerxes ist Griechisch und meint so etwas wie „über Helden herrschend“.
Ich glaube, meine Familie hat meine zwei Vornamen ganz bewusst für mich gewählt:
Ich wünsche mir nämlich, dass du dich an alles erinnerst, was du in unserem Wörteruniversum mit mir und unseren Freunden erleben wirst. Außerdem bist du ja einer der vielen heldenhaften Schlaumeier, die es auf den Wörterbuch-Olymp schaffen wollen!
Dass ich als Zikade zur Tierklasse der Insekten gehöre, hast du sicher schon herausgefunden. Das Besondere an mir und meiner Familie, den Singzikaden, ist, dass du uns super hören kannst. Alle unsere anderen verwandten Zirpen machen zwar wirklich viel Lärm, aber den kannst du als Mensch nicht hören.
Etwas, das mich ein bisschen an mir selber stört: Ich habe einen kleinen T-Z-Fehler.
Oft rutscht mir deshalb statt einem „T“ ein „Z“ heraus. Zja, was soll ich machen.
Das ist nun mal so. Zum Glück stört das meine Freunde überhaupt nicht.
Aber, genug gesagt über mich!
Kennst du denn die Bedeutung deines Vornamens?
Nein? Dann frag doch mal nach oder finde es selbst heraus!
Zja, jetzt möchten sich alle meine Freundinnen und Freunde gerne bei dir vorstellen.
Damit du sie so gut kennenlernen kannst wie ich sie schon kenne, fängst du am besten gleich an zu spielen!
Zihiiirp!
Lucy-Lynn Lama
Der Artikel
Hola!
Mein Name ist Lucy-Lynn und ich wurde an einem strahlend schönen, sonnigen Tag in einem Tal in den majestätischen Anden direkt neben einem tosenden Wasserfall namens „Velo de la novia“ geboren. Deshalb nannten mich meine Eltern auch Lucy-Lynn.
Lucy kommt von Lucia und bedeutet so etwas wie „leuchten“ oder „die am Tag Geborene“. Der Name Lynn hat mehrere Bedeutungen, darunter „die Freundliche, die Sanfte“. Mir persönlich gefällt aber „kleiner Wasserfall“ am besten.
Eines Tages erzählte mir Lucas Lama, der Dorfälteste von Buena Vista, von einem weit entfernten Kontinent namens Europa. Neugierig hörte ich ihm zu und erfuhr, dass es dort sehr hohe Berge und viele interessante Vögel geben soll. Meine Lieblingstiere waren schon immer Vögel. Vor allem der Andenkondor fasziniert mich, seitdem ich ihn das erste Mal gesehen habe.
Also beschloss ich, mich auf den fast 500 Kilometer langen Weg von meinem Heimatdorf nach Callao aufzumachen, um dort nach einem Schiff Ausschau zu halten, das mich nach Hamburg bringen würde. Glücklicherweise lag gerade noch die Callao Express im Hafen, der an der Küste vor Lima liegt. Im letzten Moment, bevor das Schiff ablegte, sprang ich an Bord.
In den 35 Tagen meiner Reise lernte ich so viele deutsche Namenwörter, dass ich mich bei meiner Ankunft bereits recht gut verständigen konnte. Ich fragte eine alte Möwe, die sich gerade auf einem dicken Tau niederließ, nach dem Weg zu den hohen Bergen namens Alpen. Sie krächzte nur knapp: „Zieh südwärts!“. Und das tat ich dann auch.
Als ich Hamburg endlich hinter mir gelassen hatte, traute ich meinen Augen kaum: Vor mir lag ein riesiger Eichenwald aus dem allerlei Vogelgeräusche tönten und über dem ich einige Raubvögel kreisen sah. Ich dachte bei mir: „Großartig! Auf ins Abenteuer!“ und wanderte los.
Bei meiner ersten Rast mitten im Wald, es war schon fast dunkel, hörte ich ein verschlafenes „Huhu! Huhuuh!“. Da entdeckte ich eine große Eule auf einem knorrigen Ast, die gerade ihre Flügel weit ausstreckte.
Fasziniert von der Spannweite ihrer Schwingen sprach ich sie an und fragte nach ihrem Namen. „Eulalia“, gähnte sie, sah mich an und setze nach einer kurzen Pause mit ihrer freundlichen Stimme fort: „und du?“. Als sich unsere Blicke trafen, spürten wir sofort eine einzigartige Verbindung zwischen uns.
Ja, und seit diesem Moment sind wir fast immer gemeinsam unterwegs.
Eulalia Ulima Laurentia Elena Eule
Das Nomen
Moin!
Mein Name ist Eulalia und ich bin vor langer Zeit in der etwas ungemütlichen Baumhöhle einer alten Eiche in Deutschland, genauer gesagt im Süden der Hafenstadt Hamburg, geschlüpft.
Schon sehr früh, als alle meine Geschwister noch damit beschäftigt waren, flügge zu werden, habe ich begonnen mich für meine Umwelt zu interessieren.
Jedes noch so scheinbar unwichtige Wort, jede kleinste Kleinigkeit und jeden Zusammenhang saugte ich wie ein Schwamm in mir auf. Mit einem Satz: Mein Wissensdurst war und ist unersättlich.
Irgendwann erzähle ich dir gerne meine ganze Geschichte, denn dafür werden wir ja auf unserer Reise noch viel Zeit haben. Heute ist es mir wichtig, dir zu erklären, warum ich vor allem Namenwörter liebe.
Für mich sind Nomen nicht nur irgendwelche Wörter, die irgendetwas irgendwie bezeichnen.
Oh nein! Für mich sind sie genau die Wörter, die Personen, Orte, Dinge, Ideen und die Vielfalt unserer Erde klar und deutlich voneinander abgrenzen.
Es sind wichtige Bausteine unserer Sprache, ohne die wir nichts von alldem, was um uns ist, benennen könnten. Ohne sie wäre unsere Sprache also wirklich sehr unvollständig.
Stell dir einfach vor, du hättest keinen eigenen Namen!
Wie könnte ich dich dann direkt ansprechen?
Heute will ich dir meine drei wichtigsten Anliegen mitteilen:
1. Namenwörter sind in der deutschen Sprache so enorm wichtig, dass du sie immer mit einem Großbuchstaben beginnen musst! Gehe also bitte respektvoll mit ihnen um und schreibe sie richtig!
2. Jedes Nomen hat seine eigene Geschichte. Für viele von ihnen gibt es auch sinnverwandte Worte, Synonyme genannt: Sei also wählerisch im Gebrauch und erkunde so viele neue Wörter wie möglich und auch ihre Bedeutungen! So kannst du deinen Wortschatz laufend erweitern.
Denn ehrlich: Wer will denn keinen Schatz besitzen?
3. Jedes Nomen hat die Kraft, deine Botschaft deutlich zu machen, solange du nur das richtige Wort findest. Namenwörter können deine Sprache also wirklich bereichern!
Nirveli Nilpferd
Das Verb
Hujambo!
Mein Name ist Nirveli und ich wurde schon so oft einfach nur „Nelly“ genannt, dass ich darauf bestehen muss, dass du mich ausschließlich mit „Nirveli“ ansprichst. Ich finde, der Name Nirveli macht mich einfach schlanker und graziler als Nelly.
Außerdem bedeutet Nirveli auf Hindi „Wasserkind“ und das passt nun mal viel besser zu mir als Nelly. Bei Nelly weiß man ja überhaupt nicht, ob das nun ein Kosename von Petronella oder Cornelia sein soll, oder?
Geboren wurde ich an einer von hunderten Flussschlingen, die man auch Mäander nennt, am Ufer meines Heimatflusses Songwe, der die Grenze zwischen Tansania und Malawi bildet. Diese Länder liegen im Osten Afrikas ein bisschen nördlich der riesigen Insel Madagaskar im Indischen Ozean.
Meine Eltern waren schon immer von Indien begeistert und wollten auch irgendwann auf die Insel Elephanta bei Mumbai übersiedeln. Vielleicht haben sie ja deshalb einen indischen Namen für mich ausgewählt. Denn eigentlich spricht man dort, wo ich herkomme, Swahili. In dieser Sprache würde man Nirveli mit „Nje ya maji“ übersetzen.
Ein bisschen Schuld habe ich schon selbst daran, dass ich früher oft nur „Nelly“ genannt wurde. Als kleines Nilpferdjunges konnte ich meinen Namen Nirveli noch nicht so richtig gut aussprechen und habe deshalb immer Njeyali gesagt. Und das hörte sich wohl für viele so an wie „Nelly“.
Ich bin eine begeisterte Wasserballerina. Sobald ich das Glitzern der Sonne auf den Wellen sehe, muss ich sofort ins Wasser. Dort fühle ich mich frei, schön und anmutig. Auch mein Gewicht macht mir beim Tanzen in diesem Element keine Probleme. Das Wasser gibt mir einfach das Gefühl lebendig und geborgen zu sein, so, als ob es mich umarmen würde und das mag ich sehr!
Neben dem Plantschen im Wasser liebe ich es auch besonders mit meinen Freundinnen Lucy-Lynn und Eulalia lustige Spiele zu spielen, mir meinen Bauch mit saftigen Gräsern vollzuschlagen, danach ein wenig zu rasten oder zu schlafen, um dann bald wieder ins kühle Nass zu springen.
Ja, ich finde, das Leben ist einfach zum Wasserballettfigurenhüpfen schön!
Der Tag, an dem Nirveli fast alle ihre Formen und Zeiten verlor
und wie es dazu kam, dass Verben auch großgeschrieben werden können.
Eines Tages beschlossen Lucy-Lynn und Nirveli, einen Ausflug zur Burg Greifenstein in der Nähe von Stockerau in Niederösterreich zu machen. Schließlich war es Sommer und Lucy-Lynn hatte soeben erst ihre Liebe zur österreichischen Mittelaltergeschichte entdeckt. Da bot sich die Burg, die 1135 erstmals urkundlich erwähnt wurde, als besonderer Ausgangspunkt für eine Reise entlang der Donau flussaufwärts Richtung Passau an.
Sie starteten früh los, um sich unterhalb der Pechnase der Burg mit Eulalia zu treffen, die den Ausflug nutzen wollte, um die wunderschöne niederösterreichische Landschaft von oben zu entdecken. Nachdem die drei die Burg besichtigt hatten, war es längst Mittag und die Sonne hatte die Luft bereits ziemlich aufgeheizt. Also entschieden Lucy-Lynn und Nirveli sich, in einem der Donauarme abzukühlen, während Eulalia sich ein schattiges Plätzchen hoch oben auf einer alten Fichte in der Nähe des Donauufers suchte, um ihr wohlverdientes Nickerchen zu halten.
Lucy-Lynn und Nirveli plantschten fröhlich im seichten Wasser und Nirveli versuchte sich an neuen Wasserballettfiguren, als sie plötzlich vor Schreck aufschrie. Irgendetwas hatte sie an ihrem linken Hinterlauf gekitzelt. Lucy-Lynn nahm all ihre Zehen in die Hufe, um Nirveli zu Hilfe zu eilen und herauszufinden, was das Ungetüm war, das Nirveli so erschrecken konnte. Bei ihr angekommen, entdeckte sie eine 80 cm lange Barbe, die nicht abließ, Nirveli mit ihren vier Barteln weiter zu kitzeln.
Doch bevor Lucy-Lynn Nirvelis Vorderhuf greifen konnte, um ihr ans Ufer zu helfen, rutschte Nirveli aus und geriet so in einen Wasserstrudel, der sie ganz fürchterlich umherwirbelte. Nach Luft schnappend und aus Angst zu ertrinken Wasser spuckend, brüllte Nirveli: „Rette miiihich!“. Doch die Strömung des Strudels war zu reißend und Lucy-Lynn wusste nicht, wie sie ihre Freundin aus diesem Dilemma befreien könnte.
Während Lucy-Lynn also etwas hilflos und nachdenklich im knietiefen Wasser stand, ruderte Nirveli immer heftiger mit ihren Armen und ging dabei immer öfter unter. Bei jedem Auftauchen jaulte sie noch verzweifelter, doch Lucy-Lynn verstand kein Wort. Einmal rief Nirveli: „haben üben“, ein anderes Mal „bin gerutschen“, dann „würde ertranken“ und danach „müssen geretten“. Verwirrt schaute Lucy-Lynn umher, um irgendwo einen langen Ast, ein Seil oder Ähnliches zu finden. Aber sie fand nichts davon am Ufer. Plötzlich hörte sie über sich einen gellenden Raubvogelschrei: „Heureka!“, kreischte Eulalia mit einer langen Liane in ihren Fängen.
Während Eulalia über Nirveli kreiste, um ihr die Liane zuzuwerfen, stapfte Lucy-Lynn als ausgezeichnete Schwimmerin mutig Richtung Wasserstrudel. Nach einigen missglückten Versuchen gelang es den beiden, ihre Freundin endlich sicher an Land zu retten.
Völlig außer Atem, hustend und keuchend am Ufer sitzend, erholte sich Nirveli langsam von ihrem Schock. „Da hast du wirklich Glück gehabt!“, raunte Eulalia und flog müde davon, um sich wieder auf ihren schattigen Ast zu verkriechen und dort weiter zu dösen. Immerhin war für sie ja Schlafenszeit.
Lucy-Lynn rüttelte heftig an Nirvelis Schulter und meinte: „Nirveli, wie geht es dir? Sprich mit mir! Ist alles in Ordnung? Was ist passiert?“.
Verwirrt blickte Nirveli ins Leere. Tausend Verben schwirrten in ihrem Kopf umher, aber sie konnte kein einziges von ihnen fassen. Alle Formen und alle Zeiten in ihr waren irgendwie durcheinandergeraten. Und so stammelte sie nur noch lauter Infinitive, um das zu erzählen, was passiert war: „lachen, glitzern, plantschen, üben, kitzeln, erschrecken, ausrutschen, schreien, untergehen, werfen.“
Lucy-Lynn erkannte sofort, dass mit Nirveli etwas nicht stimmte und versuchte ihr klarzumachen, dass sie sich aufrichten und schnell zurück auf ihre Hufe kommen musste. Als Nirveli endlich wieder kerzengerade neben Lucy-Lynn stand, geschah etwas Eigenartiges: Sie verstand plötzlich, dass sie mit Lucy-Lynns Hilfe die kleinen Anfangsbuchstaben der Nennform in Großbuchstaben verwandeln konnte. Und das ganz ohne Eulalias Zutun! Und so erzählte sie, erfreut über diese Erkenntnis, in der einzigen Zeitform, an die sie sich noch erinnern konnte, was sich zugetragen hatte:
„Das Glitzern des Wassers war so schön und das Lachen so fröhlich. Das Plantschen und das Üben neuer Figuren machten mir Freude, aber durch das Kitzeln der Barbe rutschte ich aus. Das Erschrecken, das Ausrutschen und das Schreien weckten Eulalia. Das Untergehen im Wasserstrudel war ganz und gar nicht lustig. Das Werfen der Liane rettete mich an Land.“
So kam es, dass Lucy-Lynns und Nirvelis Freundschaft noch vertrauter wurde und sie von da an immer wieder gemeinsam neue und tolle Abenteuer erlebten.
Fabrizio Frosch
Das Adjektiv
Olá!
Mein Name ist Fabrizio und ich stamme mitten aus dem Amazonas-Dschungel in Brasilien. Meine Mamãe hat vor langer Zeit auf einem Blatt an einem kleinen, beschaulichen Tümpel, der ziemlich nahe am Äquator lag, ihr Gelege abgelegt und mein Papai hat es befruchtet. Dort entwickelte ich mich zu einer prächtigen, fröhlichen und besonders quirligen Kaulquappe, schlüpfte und fiel in meinen daruntergelegenen Teich.
Ich liebte dieses nährstoffreiche Paradies, schwamm fröhlich umher und ernährte mich von winzig kleinen Pflanzenteilen und anderem organischen Material. Schon bald wuchs ich zu einem recht stattlichen, grasgrünen Frosch heran und verließ mein geliebtes Wasserbecken, um fortan an Land zu leben.
Meine Lieblingsbeschäftigung war es von Anfang an, am schlammigen Ufer meines schönen Gewässers von früh bis spät meine quakenden Lieder über die wahre Liebe, die wehmütigste Sehnsucht und das azurblaue Meer zu trällern.
Leider störten sich meine zahlreichen Nachbarn sehr daran, weil ich meistens nicht die richtigen Quaktöne traf. Wir vereinbarten also, dass ich mein lautes Gequake auf die Zeiträume der frühen Morgen- und der späten Abenddämmerung einzuschränken habe.
Ein bisschen enttäuscht über diese komische Absprache, quakte ich von nun an absichtlich noch lauter und manchmal eben auch extra falsch. Das führte dazu, dass mich meine erbosten Nachbarn kurzerhand meines Tümpels verwiesen und ich meine üppige Dschungelheimat schweren Herzens verlassen musste.
Ich hüpfte also verdrossen Richtung Osten an die Küste und wurde am Hafen von Belém nur knapp von einem riesigen Lastwagen erfasst. Ich rettete mich laut quakend mit einem meiner waghalsigsten Sprünge auf die Affenfaust einer Wurfleine, die ein Matrose genau in diesem Moment von einem Kreuzfahrtschiff warf, und entkam so nur knapp meinem sicheren Tod. Der Matrose traf allerdings nicht richtig und holte die Leine wieder ein, um sie noch einmal an Land zu werfen.
Nun ja, und weil ich ja auf der Affenfaust saß, schaffte ich es dadurch auf das Kreuzfahrtschiff, das mich dann bis in den idyllischen Hafen Leixões, dem Ankerplatz der Stadt Porto in Portugal brachte. Als das Schiff gelöscht wurde, hüpfte ich begeistert von diesem wunderschönen Ort auf einen Container, der mit Kaffeebohnensäcken gefüllt war, um so an Land zu kommen und mich hier niederzulassen.
Was ich nicht wusste: Der Kaffeecontainer wurde sofort auf einen LKW verladen, dessen Bestimmungsland Österreich war. Und so kam es, dass ich schließlich in einer kleinen Rösterei im Salzkammergut landete.
Von dort aus machte ich mich auf den Weg Richtung Westen, um nicht nur die wunderschöne Landschaft zu erkunden, sondern auch, um rechtzeitig beim weltberühmten Weltfroschtag im Zoo von Salzburg anzukommen.
Pauley Pit Pinguin
Das Pronomen
Wominjeka!
Mein Name ist Pauley Pit und ich bin an einem recht windigen Abend an der malerischen Küste von Phillip Island im weit entfernten Australien aus meinem Ei geschlüpft, das in einer Felsspalte versteckt war.
Meine Familie, die Zwergpinguine, und ich gehören zur kleinsten Art der Pinguine. Deshalb haben mich meine Eltern auch so genannt: Mein Name Pauley kommt von Paul und das bedeutet „der Kleine“. Pit ist eine Kurzform von Peter, was „Fels“ oder „Stein“ bedeutet.
Schon als ich noch ein Küken war, habe ich davon geträumt, die ganze Welt zu entdecken. Eines Tages erzählte mir Piroz, ein alter, weiser und weitgereister Kaiserpinguin aus Neko Harbour, drei entscheidende Dinge.
Erstens, so meinte er, leben alle Pinguine ausschließlich auf der südlichen Welthalbkugel.
Zweitens: Kein einziger Pinguin kann fliegen, obwohl wir Vögel sind.
Und drittens: Er selbst hatte noch nie eine Eule in seiner Heimat, der Antarktis, gesehen, wo er doch schon so viele faszinierende Geschichten über diese schönen und weisen Vögel gehört hatte. Dennoch konnte er sich kein klares Bild von ihnen machen.
Das machte mich ein bisschen traurig und ich begann darüber nachzudenken, wie ich es dennoch schaffen könnte, alle sieben Kontinente zu erforschen, irgendwo auf eine weise Eule zu treffen und dann zurückzukehren, um Piroz bis ins kleinste Detail beschreiben zu können, wie diese Vögel namens Eulen aussehen.
Eines Tages, als meine Eltern gerade noch auf Tauchzug im Meer unterwegs waren, stahl ich mich von der allabendlichen Pinguinparade davon und wagte mich über die Tasmansee Richtung Indischen Ozean. Ich schwamm so lange, bis ich ganz erschöpft war. Glücklicherweise wurde ich dann durch eine gewaltige Meeresströmung mitgerissen.
Wow! Das ging flott: Innerhalb kürzester Zeit erreichte ich so die Ostküste von Amerika und ließ mich mit dem Golfstrom über den Atlantik bis an die Westküste von Frankreich tragen.
Am Strand angekommen, watschelte ich los, um meine Mission zu erfüllen:
Ich musste die schönste, weiseste und außergewöhnlichste Eule der Welt finden!
Emile Erdmännchen
Das Numerale
Salut!
Mein Name ist Emile. Das ist Lateinisch und bedeutet so etwas wie „nachahmen“. Ich wurde in Paris, der Hauptstadt von Frankreich, im Parc Zoologique geboren.
Meine Familie stammt ursprünglich aus dem südlichen Angola in Afrika, wurde dort aber eingefangen und vor ein paar Jahren, genauer gesagt am siebten Tag des Monats April im Jahr zweitausendneunzehn, im neuen Gehege der „Afrikanischen Zone“ zusammen mit zwölf Otocyons eingebürgert. Otocyons sind afrikanische Löffelhunde mit ganz lustigen Fledermausohren.
Meine Maman Karaba hat mich und meine vierzehn Geschwister fest im Griff. Sie sagt uns, wann wir uns aufstellen sollen, um die Umgebung zu erspähen und auch wann es Zeit ist, dass wir alle zurück in unsere Bauten huschen.
Gestern um fünf nach halb drei nachmittags war es ziemlich heiß. Eigentlich sollten vier meiner Brüder und ich Wache stehen und die restlichen zehn von uns einen Mittagsschlaf halten, aber einer der Löffelhunde, sein Name ist Leandro, war offenbar ein wenig überhitzt und begann mit mir darüber zu streiten, wer von uns beiden die elf Termiten verspeisen dürfe, die gerade auf ihrer Straße unterwegs in ihren Bau waren. Ich versuchte ihn zu ignorieren und schaute einfach in die andere Richtung. Dort erblickte ich einen kleinen blauen Pinguin, der fröhlich zwischen den Zoobesuchern umherwatschelte.
Neugierig lief ich ans Gitter und rief ihm zu: „Salut, petit Pingouin!“. Er schaute mich zuerst verdutzt an, ging dann aber entschlossen auf mich zu und fragte mich, ob ich wüsste, wo er die Humboldtpinguine finden könne, die hier bei uns im Zoo leben. Er müsse sie dringend etwas sehr Wichtiges fragen.
Abgelenkt durch Leandros grimmiges Knurren antwortete ich ihm nur kurz, aber gleich zweimal: „Dort, dort!“ und deutete in Richtung der „Patagonischen Zone“. Er lächelte mich zufrieden an und wollte schon weiterwatscheln, als ich Leandros heißen Atem in meinem Nacken spürte, der mich erneut grantig anschnaubte. Ich rief dem Pinguin zu: „Warte! Ich begleite dich! Wie heißt du eigentlich?“.
Und so kam es, dass Pauley Pit mir von seiner Reise erzählte und wie er es bis nach Paris geschafft hatte, um seine Artverwandten zu befragen, wo er die schönste, weiseste und außergewöhnlichste Eule der Welt finden könne.
Er berichtete mir auch von einer großen Kirche, der Kathedrale Notre-Dame de Paris und einem riesigen Platz, dem Place de la Bastille, wo es vor über zweihundertfünfunddreißig Jahren eine Revolution gegeben hat. Begeistert von seiner Geschichte schlüpfte ich durch die Gitterstäbe und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zum Gehege der Humboldtpinguine.
Pauley & Emile
Die Reise geht weiter
Beim Gehege der Humboldtpinguine angekommen, war Pauley Pit höchst erfreut endlich wieder Artgenossen zu Gesicht zu bekommen. Die kleine Pinguinkolonie schnatterte aufgeregt und wie wild durcheinander, denn sie hatten noch nie in ihrem Leben ein Erdmännchen gesehen. Pauley und ich konnten nur Wortfetzen heraushören. Der Erste schnabelte etwas von Angst, der Zweite schien hoch erfreut und ein Fünfter schickte sich an ins Wasser zu springen, um den vermeintlichen Feinden zu entschwimmen, etliche andere folgten ihm nach und hüpften ebenfalls in den Pool.
Pauley Pit lachte ob dieses Durcheinanders vergnügt auf und suchte mit seinem kurzsichtigen Blick vergeblich nach einem Pinguin, der sich weniger ängstlich verhielt. Mitten in einer Gruppe von etwa dreizehn Tieren entdeckte ich einen größer gewachsenen und mit einem scharf gezeichneten, weißen Halskragen ausgestatteten älteren Pinguin, der ruhig und gelassen zu uns herüberblickte. Ich stieß Pauley sanft an der Schulter und nickte in die Richtung des alten Pinguins. Fast gleichzeitig rutschte uns dann unsere Frage über die Lippen: „Kennst du den Ort, wo wir die schönste, weiseste und außergewöhnlichste Eule der Welt finden können?“.
Er sah uns lange und mit starrem Blick völlig regungslos an, so als würde er versuchen sich an seine eigene Reise zu erinnern. Dann schüttelte er sich ausgiebig und flatterte dreimal mit seinen Flossen. „Ich denke“ fing er an und machte eine kurze Pause, um dann fortzusetzen, „Ich glaube, ihr müsst Richtung Südosten wandern. Nur dunkel kann ich mich an fünf Stationen meiner Reise erinnern, die euch zu Eulalia führen werden.“ Aufgeregt und neugierig über das, was er gesagt hatte, rutschte mir heraus: „Wer ist Eulalia?“. Pauley Pit sah mich amüsiert an, denn er hatte diesen Namen bereits mehrmals auf seiner Reise bis nach Paris vernommen und fühlte sich nun bestätigt in seiner Annahme, dass die schönste, weiseste und außergewöhnlichste Eule der Welt Eulalia heißen musste. Der alte Humboldtpinguin fuhr unbeeindruckt von meiner Zwischenfrage fort und murmelte „Reims, Nancy, Bregenz, Innsbruck, Salzburg. Das ist euer Weg!“.
Erfreut über diese klaren Worte bedankten wir uns bei ihm und beschlossen uns sofort auf den Weg nach Reims zu machen. Doch bevor wir uns halb umgedreht hatten, rief er uns zu: „Wartet, ihr zwei! Ich habe noch eine Nachricht an Eulalia, die ihr beiden ihr bitte übermitteln müsst!“. „Ja, gerne!“ meinte Pauley Pit und drehte sich noch einmal zu ihm. „Sagt ihr, dass ich ihre spannenden, wortgewandten und weisen Geschichten sehr vermisse!“. „Wird gemacht!“ antwortete ich ihm freundlich. Danach machten wir uns auf den Weg, neugierig darauf endlich Eulalia kennenzulernen.
Flavio Flamingo
Die Präposition
Ciao!
Mein Name ist Flavio und ich wurde an einem grellhellen Tag zwischen den seichten Lagunen der italienischen Stadt Venedig geboren. Dort, wo das Meer langsam in flache Salzwiesen übergeht und Wasser und Land beinahe miteinander verschmelzen, verbrachte ich meine ersten Lebenswochen gemeinsam mit meiner riesigen Flamingofamilie.
Meine Eltern gaben mir den Namen Flavio, weil er so viel wie „der Goldblonde“ oder „der Goldene“ bedeutet. Als kleines Flamingoküken war mein Federkleid nämlich noch ganz hell und schimmerte im Licht der Morgensonne beinahe golden.
Schon früh bemerkte ich, dass mich etwas ganz Besonderes faszinierte.
Beim Beobachten meiner Kolonie fragte ich mich oft, warum manche meiner Artgenossen auf einem Bein standen, andere über die Lagunen flogen und wieder andere einen Platz am Ufer suchten.
Irgendwann stellte ich fest, dass fast alles in meiner Welt einen ganz bestimmten Platz hatte:
Die kleinen roten Krebse krabbelten am Ufer entlang. Glitzernde Libellen tanzten über dem Wasser. Kreischende Möwen saßen auf alten Holzpfählen. Und meine Geschwister und Freunde standen meistens im flachen Wasser und suchten unter der Wasseroberfläche nach Nahrung.
Eines Tages meinte Fiora, unsere Vogelzugführerin, dass es Zeit wäre, aufzubrechen, um über das Meer entlang der italienischen Küste in Richtung Norden zu fliegen.
Ich war unglaublich aufgeregt. Noch nie zuvor hatte ich meine Heimat verlassen. Als wir schließlich alle gemeinsam abhoben, klang das Rauschen unserer Flügel wie ein einziges großes Lied.
Fiora flog an der Spitze unseres Schwarms und rief uns immer wieder den Weg zu:
„Bleibt hinter mir!“
„Fliegt über den Wellen!“
„Haltet genügend Abstand zwischen euch!“
Je länger wir unterwegs waren, desto höher wurden die Berge. Schon bald ragten die schneebedeckten Gipfel der Alpen vor uns in den Himmel.
„Keine Sorge!“, rief Fiora. „Wir fliegen über die Pässe und anschließend durch das breite Tal auf der anderen Seite.“
Ich staunte, denn Fiora wusste immer ganz genau, welcher Weg durch die Berge führte, welcher Wind gegen uns blies und wo wir zwischen den hohen Gipfeln sicher rasten konnten.
Nach vielen Stunden erreichten wir schließlich ein wunderschönes Land voller glitzernder Seen, grüner Wiesen und mächtiger Berge.
„Willkommen in Österreich!“, rief Fiora fröhlich.
Während sich der Schwarm auf einer großen Wiese niederließ, spazierte ich neugierig entlang eines kleinen Baches und hörte plötzlich hinter gebogenen Schilfhalmen zwei Stimmen.
Neugierig lauschte ich der Unterhaltung.
„Wir müssen doch irgendwo hier vorbeigekommen sein“, sagte eine freundliche Stimme.
„Ganz bestimmt“, antwortete eine zweite. „Aber ich weiß einfach nicht mehr, bei welchem Baum wir gestern abgebogen sind.“
„War es der große dort hinten?“
„Nein... oder doch?“
„Vielleicht der mit dem dicken Ast?“
Ich musste schmunzeln.
Von meinem Platz aus konnte ich die beiden bereits erkennen: Eine stattliche Eule saß auf einem knorrigen Ast, während unter ihr ein knalloranges Lama ratlos und suchend zwischen mehreren alten Bäumen umherblickte.
Schließlich konnte ich mich nicht länger zurückhalten.
„Entschuldigt bitte“, rief ich freundlich, „aber welchen Baum meint ihr denn? Den neben dem Bach, den hinter dem großen Felsen oder den vor der kleinen Lichtung?“
Die beiden blickten gleichzeitig zu mir herüber.
„Na, den neben dem Bach natürlich!“, antwortete das Lama erleichtert und die Eule lächelte wissend: „Siehst du, Lucy-Lynn? Ich habe es dir doch gesagt!“
Ich trat näher, verbeugte mich höflich und wir stellten uns einander vor.
Seitdem sind wir dicke Freunde geworden und reisen oft gemeinsam durchs Land. Mal sitzen wir unter der Brücke am Ufer unseres Lieblingsbaches, mal wandern wir ganz ohne Plan einfach drauflos. Hin und wieder müssen wir wegen eines Sommerregens Schutz in einer kleinen Höhle suchen. Und manchmal brechen wir schon früh am Morgen auf, um den Sonnenaufgang hinter den hohen Bergen zu bewundern und immer wieder neue Orte zu entdecken.
Olav Oktopus
Das Adverb
Bună ziua!
Mein Name ist Olav und ich wurde in den geheimnisvollen Tiefen des Schwarzen Meeres geboren. Obwohl meine Familie eigentlich aus dem großen, salzigen Mittelmeer stammte, zog es meine Eltern hierher, genauer gesagt an die Küste Rumäniens, wo einer der längsten Flüsse Europas nach einer fast dreitausend Kilometer langen Reise das Meer erreicht: die Donau.
Meine Eltern gaben mir den Namen Olav, der aus dem Altnordischen stammt, weil er so viel wie „Nachkomme der Vorfahren“ bedeutet. Mein Papa erklärte mir einmal, dass jeder Oktopus etwas von den Erfahrungen seiner Vorfahren in sich trägt und dass ich mit meinem Namen immer daran erinnert werden soll, dass jede Geschichte einen Anfang hat und jede Reise irgendwo beginnt.
Während meine Geschwister den ganzen Tag Muscheln sammelten, versteckte ich mich lieber hinter einem großen Felsen und beobachtete alles, was um mich herum geschah.
Mich interessierte allerdings nicht nur, dass etwas passierte.
Ich wollte immer ganz genau wissen, wo, wann, wie und warum etwas passierte und wohin das führte.
Wenn ein Schwarm bunter Fische vorbeischwamm, fragte ich sofort:
„Wo kommt ihr her?“
„Wohin seid ihr unterwegs?“
„Warum schwimmt ihr heute so dicht beisammen?“
„Wie schnell könnt ihr eigentlich schwimmen?“
Anfangs verdrehten viele Meeresbewohner nur ihre Augen und stöhnten manchmal lachend: „Olav stellt schon wieder tausend Fragen!“.
Eines Tages, als ich gerade wieder einmal jede einzelne Bewegung eines kleinen Seepferdchens beobachtete, begegnete ich einer uralten Meeresschildkröte namens Dunărea. Ihre Haut war von den vielen Reisen gezeichnet und auf ihrem Panzer waren unzählige kleine Kratzer zu erkennen.
Natürlich konnte ich nicht anders. Ich musste sofort alles über sie erfahren und fragte sie:
„Wo bist du überall gewesen? Wann hast du deine weiteste Reise gemacht? Wie lange warst du unterwegs?“
Dunărea lächelte geduldig.
„Olav“, sagte sie schließlich, „du möchtest immer wissen, wo etwas beginnt und wo etwas endet.“ Ich nickte begeistert: „Natürlich!“ und rief: „Nur so kann ich verstehen, was wirklich passiert ist!“
Die alte Schildkröte schaute wissend hinüber zum riesigen Donaudelta: „Dann solltest du einmal diesem Fluss folgen, denn Flüsse sind wie Wege aus Wasser. Die Donau reist durch Landschaften, vorbei an Bergen, Wäldern und Städten, bis sie schließlich hier ins Schwarze Meer mündet.“
Von diesem Moment an hatte ich nur noch einen Gedanken:
Ich musste herausfinden, wo dieser große Fluss namens Donau entsprang.
Meine Augen wurden groß.
„Wie lange dauert die Reise zur Quelle der Donau?“, fragte ich.
„Sehr lange“, antwortete sie.
„Und durch wie viele Länder fließt sie?“
„Durch zehn verschiedene.“
Ich war fasziniert. Ein einziger, langer Fluss, der zehn Länder miteinander verband!
Also beschloss ich, mich auf die Reise zum Ursprung der Donau zu machen.
Glücklicherweise fand ich ein Handelsschiff der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, das gerade ablegte, um flussaufwärts Richtung Österreich zu fahren.
Violetta Wüstenfuchs
Die Konjunktion
As-salāmu ʿalaikum!
Mein Name ist Violetta und ich wurde an einem frischen Frühlingsmorgen am nördlichen Rand der gewaltigen Sahara geboren. Meine Heimat liegt dort, wo die goldenen Sanddünen langsam in die felsigen Ausläufer des Atlasgebirges übergehen. Zwischen den schattigen Hängen und den kleinen Quellen wachsen nach den seltenen Regenfällen sogar wilde Veilchen. Genau deshalb gaben mir meine Eltern den Namen Violetta, denn er bedeutet so viel wie „das kleine Veilchen“.
Schon als junges Fuchsmädchen liebte ich diese zarten, violettblauen Blumen. Während andere Wüstenfüchse den ganzen Tag damit beschäftigt waren, Mäuse zu jagen oder sich tiefe Höhlen in den Sand zu graben, streifte ich lieber neugierig durch die Täler unserer Heimat und lauschte den Geschichten der vorbeiziehenden Karawanen.
Dabei fiel mir etwas Merkwürdiges auf: Ganz gleich, aus welchem Land die Händler kamen oder welche Sprache sie sprachen – ständig hörte ich kleine Wörter wie und, oder, aber, weil, wenn, doch, denn oder obwohl.
Zuerst hielt ich sie für völlig unwichtig. Doch je genauer ich zuhörte, desto mehr erkannte ich, dass diese kleinen Wörter etwas Erstaunliches konnten.
Sie verbanden Gedanken.
Sie bauten Brücken zwischen Menschen.
Und manchmal verhinderten sie sogar einen Streit.
"Ohne diese kleinen Wörter", dachte ich eines Tages, "würden viele Gespräche schon nach wenigen Sätzen enden."
Von diesem Moment an begann ich, sie überall zu sammeln.
Wenn Händler am Lagerfeuer Geschichten erzählten, lauschte ich aufmerksam.
Wenn Nomaden ihre Reiserouten besprachen, hörte ich genau hin.
Schon bald sprach es sich herum, dass ich oft genau die richtigen kleinen Wörter fand, um zwei verschiedene Gedanken miteinander zu verbinden.
Eines Tages geschah etwas, das mein ganzes Leben verändern sollte.
Es war mitten im Sommer. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel und ein heißer Wind trieb den feinen Wüstensand über die alten Karawanenwege. Zwei große Händlergruppen begegneten einander an einer schmalen Passage zwischen den Felsen des Gebirges. Die eine wollte nach Marrakesch, die andere an die Mittelmeerküste.
Weil der Weg so eng war, konnte immer nur eine Karawane weiterziehen.
Schon nach wenigen Augenblicken wurde laut gestritten.
„Wir waren zuerst hier!“
„Nein! Wir haben Vorfahrt!“
„Dann kehrt doch einfach um!“
„Auf keinen Fall!“
Je länger die Diskussion dauerte, desto zorniger wurden die Händler. Schließlich begann sogar eines der Kamele ungeduldig zu schnauben, weil niemand mehr wusste, wie es weitergehen sollte.
Ich beobachtete das ganze Durcheinander eine Weile und trat schließlich vorsichtig zwischen die beiden Gruppen.
„Warum reist ihr nicht gemeinsam bis zur nächsten Weggabelung?“ fragte ich leise.
Die Händler verstummten.
„Dort könnt ihr euch wieder trennen und jeder kann seinen eigenen Weg fortsetzen.“
Die Männer sahen sich überrascht an.
Niemand hatte an diese einfache Lösung gedacht.
Kurze Zeit später setzten wir uns alle gemeinsam in Bewegung und zogen miteinander durch die engen Felsen. Als wir am Abend die nächste Oase erreichten, bedankten sich die Händler herzlich bei mir.
„Du hast nicht nur unsere Wege verbunden“, sagte einer der ältesten Karawanenführer lächelnd. „Du hast uns auch wieder zusammengebracht.“
So durchquerten wir alle zusammen die Sahara und erreichten schließlich die geschäftigen Hafenstädte am Mittelmeer. Dort begegnete ich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Einige sprachen Arabisch, andere Französisch, Italienisch oder Deutsch.
Obwohl ich ihre Sprachen oft nicht verstand, bemerkte ich etwas Erstaunliches.
Überall auf der Welt schienen Menschen Wörter zu besitzen, die Gedanken miteinander verbanden.
Das machte mich neugierig.
Eines Abends saß ich am Hafen und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter dem Meer versank. Neben mir machte gerade ein alter Kapitän sein Segelschiff für die Überfahrt nach Europa bereit. Er war schon unzählige Male über das Mittelmeer gesegelt und kannte offenbar jeden Hafen im Süden Europas.
„Weit hinter den hohen Alpen“, sagte er nachdenklich, „soll es einen geheimnisvollen Ort geben, an dem die wunderschönsten Wörter der deutschen Sprache zu finden sind.“
Meine übergroßen Ohren richteten sich neugierig auf.
„Gibt es dort auch kleine Wörter, die Gedanken und Menschen miteinander verbinden?“
Der Kapitän lächelte.
„Mehr als irgendwo sonst auf der Welt.“
In dieser Nacht fasste ich einen Entschluss: Ich musste diesen wunderbaren Ort unbedingt finden.
Noch vor Sonnenaufgang schlich ich mich lautlos an Bord des Segelschiffes und, während die ersten Möwen über den Hafen kreisten, lichtete der Kapitän den Anker. Ich blickte kurz zurück und sah, wie die Küste Afrikas schön langsam hinter dem Horizont verschwand.
Vor mir lagen Europa, die mächtigen Alpen und das größte Abenteuer meines Lebens.